Forschung zu Langlebigkeit und andere Geschichten.

Spermidin… Das klingt ja eklig!

Spermidin… Das klingt ja eklig!

Warum ekeln wir uns vor Spermidin? Wie kam dieser Name zustande? …und warum interessiere ich mich für diese Substanz?

Die Namensgebung

Wenn man sich das Spektrum aller in der Natur vorkommenden Substanzen anschaut, wird man von ihrer Vielfalt überfordert. Tausende komplizierte chemische Formeln und noch kompliziertere Namen… 1,3,4,5,6-Pentahydroxy-2-hexanone, 3-(β-Aminoethyl)-5-hydroxyindol, β-(2S,3S,4S,5R)-fructofuranosyl-α-(1R,2R,3S,4S,5R)-glucopyranosid, dihydroxymonooxid – wie soll man sich das alles merken? Vor allem, wie soll man sich darüber mit jemandem unterhalten? Deswegen werden in Chemie und Biologie oft etwas verständlichere Namen verwendet (in der gleichen Reihenfolge wie oben) – Fruktose (Traubenzucker), Serotonin (das bekannteste Glückshormon), Sacharose (Haushaltszucker) und das Wasser. Meistens werden diese Namen nicht zufällig ausgesucht. So heißt z.B. die Fruktose so, weil sie in Früchten vorkommt (lat. fructus = Frucht).

Manche Substanzen haben bei der Namensgebung mehr, die anderen weniger „Glück“ gehabt. So hat es das „arme Spermidin“ richtig hart erwischt. Weil diese Substanz in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum ersten Mal in der Samenflüssigkeit gemessen wurde, bekam sie diesen sehr assoziativen Namen. Damals wusste man nicht, wo sie sonst noch vorkommen könnte und ob sie überhaupt eine biologische Wirkung hat. Heute, allerdings, wissen wir, dass Spermidin (oder wie es Chemiker gerne nennen: N-(3-Aminopropyl)butan-1,4-diamin) in jeder Zelle des menschlichen Körpers und in fast jedem Lebewesen auf diesem Planeten vorkommt. Der Name ist aber unverändert geblieben.

Was kann Spermidin?

Meine zukünftigen Einträge werden sich ausführlicher mit dieser Frage beschäftigen, aber für die Ungeduldigen unter Ihnen… Spermidin scheint zur Langlebigkeit in allen untersuchten Organismen zu führen [1]. Wie kommt dieser Effekt zustande? Spermidin schaltet das molekulare Recycling, gleich wie das Fasten, ein. Und das macht was? Es baut die nicht-notwendige und potenziell schädliche Moleküle ab und versorgt die Zelle mit Energie und Bausteinen für neue Moleküle. Somit bleibt die Zelle „sauber“ und funktionsfähig.

Die erste Entdeckung dazu kam aus dem Labor meines Doktorvaters, Frank Madeo von der Karl-Franzens-Universität Graz. 2009 wurde im Nature Cell Biology (einem hochrangigen Fachjournal im Bereich der Zellbiologie) veröffentlicht, dass Spermidin die Lebensspanne von Hefe, Würmer und Fliegen in der Abhängigkeit von dem molekularen Recycling (Autophagie) verlängert [1]. Diese Ergebnisse wurden von vielen Medien aufgegriffen und sorgten dafür, dass weitere Forschungsgruppen angefangen haben, mit dieser Substanz zu forschen. Heute wissen wir schon viel mehr über die Aktivierung von Autophagie durch Spermidin und ihre Verbindung zur Langlebigkeit in verschiedenen Modellen. Wie plausibel eine Anwendung dieser Effekte an Menschen ist, wird de Zukunft zeigen.

In meinen nächsten Einträgen werde ich mich mit den Grundlagen der Alternsbiologie beschäftigen.

Literaturquellen:

  1. Eisenberg et al., 2009
2 Kommentare
  1. Ich finde alles wahnsinnig interessant und ich würde gerne wissen ob Spermidin auch in Naturprodukte und Nahrungsmitteln vorkommt?

    • Ja. Spermidin kommt überall vor. Die höchste Konzentration lässt sich in den Weizenkeimen messen. Danach folgen Erbsen, Soyabohnen und manche Pilze (z.B. Shitake, Champignons). Cheddar (Käse) enthält auch viel Spermidin.

      Mit 4-5 Esslöffel Weizenkeimen am Tag sollte man seine Spermidin-Blutwerte schon nach 2-3 Monaten erhöhen können. Angeblich arbeiten schon mehrere Unternehmen sogar an Spermidin in Kapselform.

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