Forschung zu Langlebigkeit und andere Geschichten.

Fasten-Wissen für Fortgeschrittene

Fasten-Wissen für Fortgeschrittene

Diesmal erzähle ich etwas mehr über die Geschichte und die wichtigsten Ergebnisse zum Thema “Fasten und Gesundheit”. Übergewicht, Krebs, Diabetes… Bereit?

In meinem letzten Beitrag habe ich den Prozess der Autophagie kurz angerissen. Es handelt sich um ein Recycling-Programm in unserem Körper, das den molekularen Schrott aus den Zellen entfernt. Somit wird eine ungestörte Körperfunktion ermöglicht. Autophagie wird hauptsächlich durch das Fasten eingeschaltet. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für ziemlich alle andere Organismen – von kleiner einzelligen Bäckerhefe über niedlichen Fruchtfliegen und Mäusen bis zu menschenähnlichen Affen. An diesen Organismen wurde schon einiges zu diesem Phänomen erforscht. Aber unser Wissen, wie das Fasten (vor allem das regelmäßige oder periodische Fasten) den menschlichen Körper beeinflusst, ist auf wenige Fakten beschränkt.

„Vom Massvollen Leben oder die Kunst, gesund alt zu werden“

Luigi Cornaro war ein Humanist und Schriftsteller aus Venedig im XV Jahrhundert. Aufgrund von einer sehr komplizierten Kombination aus Gicht und Diabetes ist er im Alter von 35 beinahe gestorben. In Erwartung des Todes und voller Demut entschied er sich auf den Genuss, vor allem das überflüssige und gute Essen, zu verzichten. Allerdings führte diese Entscheidung sehr rasch zu seiner Besserung. Somit schuf er die Grundlage für sein wichtigstes literarisches Werk „Discorsi dela vita sobria“ [1] (deutsche Übersetzung: „Vom Massvollen Leben oder die Kunst, gesund alt zu werden“). Er beschreibt in seinem Buch zum ersten Mal, wie sich die kalorische Restriktion auf den menschlichen Geist und den Körper auswirkt. (Zur Erinnerung: Kalorische Restriktion ist eine verminderte Kalorien-Einnahme ohne einer Mangelernährung)

Sein tägliches Ess-Ritual bestand aus 350 g Nahrung und 414 ml Wein. Das entspricht ungefähr einer normalen Mahlzeit und einem „größeren Schluck Wein“… jeden Tag. Luigi wurde mit dieser Diät 99 Jahre alt. Sein Werk lebt heute noch und stellt die erste systematische Beschreibung eines Fasten-Rituals zur Gesundheitserhaltung dar.

Luigi Cornaro Porträt

Was wir schon über das Fasten wirklich wissen?

Es ist verblüffend, was man alles mit Fasten erzielen kann. Vor wenigen Jahren wurde folgendes Experiment gemacht. Zwei Gruppen von Mäusen bekamen fettreiche Nahrung, so viel sie wollten. So etwa wie wir uns in den entwickelten Ländern ernähren. Eine Gruppe konnte essen, wann sie Lust hatte. Die andere hatte nur halbtägig den Zugang zur Nahrung. Dafür bekam sie doppelt-fettes Essen. Nach relativ kurzer Zeit nahm die erste Gruppe extrem zu. Die Mäuse wurden immer langsamer und „fauler“. Noch schlimmer schaute es unter dem Mikroskop aus. Die Leber dieser Mäuse war absolut verfettet und kaum noch funktionsfähig. Das passiert auch bei den Menschen, die sich über einen längeren Zeitraum ungesund ernähren.

Was passiert aber wenn die Mäuse doppelt so viel aber nur in der Hälfte der Zeit fressen? Es passiert genau gar nichts. Die Mäuse bleiben normalgewichtig. Sie rennen fröhlich herum. Vor allem, sie leben länger und entwickeln keine Fettleber. Diese Studie zeigte, dass sogar bei einer qualitativ ungesunden Nahrung, der Körper durch das Fasten geschützt wird.

Fasten und Chemotherapie

Dieses Thema ist immer noch im Entstehen. Deswegen müssen wir vorsichtig mit den Studienergebnissen umgehen. Fasten in der terminalen Phase eines Tumors sollte absolut vermieden werden. Der Krebs baut den Körper von selbst ab. Deswegen sollten wir diesem Prozess durch den Nahrungsverzicht nicht beitragen. Allerdings, bevor das Endstadium der Erkrankung erreicht wurde, kann Fasten durchaus positive Wirkungen erzielen.

Die Forscher von UCSF und Harvard School of Public Health konnten zeigen, dass das Fasten die Nebenwirkungen der Chemotherapie bei Mäusen und Menschen neutralisieren kann [2,3]. Die Chemotherapie funktioniert auf der zellulären Ebene indem sie die Zellen „vergiftet“. Sie ist dabei nicht sehr wählerisch. Das Hauptproblem ist: die Krebszellen entwickeln sich aus körpereigenen Zellen. Allerdings, haben sie sich durch ihre Gier vom Körper entfremdet. Deswegen kann die Chemotherapie schlecht eine gute von einer bösen Zelle unterscheiden. Sie schauen fast ident aus.

Durch die Vergiftung der guten Zellen im Körper entstehen viele Nebenwirkungen der Chemotherapie. Interessanterweise, kann das Fasten diese verhindern. Was genau dahinter steckt, wissen wir noch nicht. Vermutlich wird es die Neutralisierung vom molekularen Schrott durch Autophagie sein. Dieses Thema wird zurzeit in der Forschung auf Hochtouren untersucht. Hier muss man vorsichtig sein. Bevor man sich für das Fasten entscheidet, sollte man ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt führen um eventuelle Wechselwirkungen dieser Umstellung mit der Behandlung oder negative Auswirkungen auf den Körper auszuschließen.

Fasten und Diabetes

Fasten und Diabetes sind ein sehr spannendes Thema. Ich weiss selber nicht, wie ich dazu stehe. Einerseits scheint es kontraintuitiv, dass das Fasten bei einer Fehlkontrolle der Blutzuckerwerte hilft. Anderseits sehen wir, dass durch das Fasten viele Risikofaktoren für Diabetes im Griff gehalten werden [4,5]. Noch verblüffender sind die Erfahrungen mancher Personen, die mit dem periodischen Fasten ihren Diabetes im Griff oder sogar bekämpft haben.

Klinische Studie in diesem Bereich findet man kaum. In seiner BBC-Dokumentation aus 2012 testet Dr. Micheal Mosley die Auswirkung vom periodischen Fasten auf seine prädiabetische Blutwerte. Er schafft es innerhalb von kürzester Zeit seine Gesundheit zu verbessern. Diese Ergebnisse werden auch durch präklinischen Studien unterstützt, die zeigen, dass regelmäßiges Fasten die Häufigkeit von Diabetes um 35% senken kann [6]. Um diese Wechselwirkungen zu verstehen, brauchen wir noch viel mehr Forschung zu diesem Thema. Gerade Personen, die mit Medikamenten ihren Blutzucker kontrollieren, sollten aufpassen, dass sie die Tagesdosis an das Fasten anpassen.

Um zu zeigen, wie effizient die positive Wirkungen des Fastens (innerhalb von nur 5 Wochen) sein können, habe ich Dr. Mosley’s Daten für Sie ausgearbeitet.BBC Horizon: "Eat, Fast and Live Longer" - ausgearbeitete Ergebnisse

Haben Sie jetzt richtig Lust auf mehr?

Eine von den besten Quellen um mehr über das Thema „gesundes Fasten“ zu lernen, ist der genannte Dokumentarfilm vom Dr. Mosley (verfügbar in englischen Sprache). Falls Sie mal Zeit haben, sollten Sie sich diesen Film unbedingt anschauen. Aber, bitte, keine Chips währenddessen essen! Hier werden zwei extreme Ernährungsweise unter Lupe genommen. Was passiert mit dem Menschlichen Körper beim mehrtägigen Fasten? …und was passiert, wenn ich an zwei Tagen pro Woche auf die Nahrung verzichte? Dr. Mosley testet diese an seinem eigenen Leib, wie ein richtiger Forscher. Zusammen mit Prof. Longo, Prof. Fontana und Prof. Mattson (vielleicht die wichtigsten Forscher in diesem Forschungsbereich) werden die Ergebnisse der letzten 30 Jahren in etwa 60 Minuten vorgestellt.

 

Referenzen

  1. http://www.amazon.de/Discourses-Discorsi-Narrative-1467-1566-Illustrated-ebook/dp/B005CIHHGA/ref=sr_1_4?ie=UTF8&qid=1458898692&sr=8-4&keywords=discorsi+della+vita+sobria
  2. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23454633
  3. http://www.cell.com/cell-stem-cell/fulltext/S1934-5909(14)00203-3
  4. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26135345
  5. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24993615
  6. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10524500
  7. BBC Horizon: „Eat, Fast and Live Longer“, 2012
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